Unternehmertum

Unternehmer, Manager oder Fachkraft?

24.06.2021 von Volker Johanning  IDG ExpertenNetzwerk
Was macht eigentlich einen Unternehmer aus? Welche Eigenschaften, Handlungsbereiche und Rollen dabei von Bedeutung sind, beschreibt dieser Beitrag.

Laut Business Data Portal Statista gab es 2019 in Deutschland ca. 3,29 Mio. Unternehmen, davon waren 137.504 in der ITK-Branche angesiedelt. Über 90 Prozent dieser Unternehmen gehören mit bis zu 50 Mitarbeitern zu den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU).

Diese bilden das so oft beschworene Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Die Bedeutung, die unsere Wirtschaft den KMU beimisst, stellt auch den Unternehmer als Eigentümer und Geschäftsführer dieser Unternehmen den Mittelpunkt. Denn die Entscheidungshoheit und damit das Wohl und Wehe der kleinen Unternehmen fußt auf der Qualität unserer Unternehmer.

Unterschiedliche Charaktereigenschaften und unterschiedliche Rollenverständnisse. Bei einem Unternehmer heißt es, daraus das Beste zu machen.
Foto: Irina Kozorog - shutterstock.com

Einer der größten Hebel für eine gesunde und erfolgreiche Weiterentwicklung des Unternehmens liegt in der Bewusstwerdung des Unternehmers für seine Rolle. Denn gerade als Gründer und mit bis ca. 20 Mitarbeitern rutscht ein Unternehmer schnell in mehrere Rollen, die dem Unternehmen zwar kurzfristig helfen voranzukommen, die aber langfristig eher das Wachstum behindern: Zum einen in die Rolle des Unternehmers an sich, zum anderen in die der Fachkraft, und zuletzt in die des Managers.

Was genau diese Rollen ausmacht, wie sie sich abgrenzen lassen und es dem Unternehmer gelingt, aus diesen drei Bereichen den perfekten Mix für ein erfolgreiches Wachstum zu generieren, thematisiert dieser Artikel.

Die Ausgangssituation: Der Rollenkonflikt des Unternehmers

Diese drei Rollen des Unternehmers, der Fachkraft und des Managers , wurden erstmalig vom Amerikaner Michael E. Gerber in seinem Buch "The E-Myth Revisited" (deutsche Übersetzung "Das Geheimnis erfolgreicher Firmen") beschrieben. Gerber sieht den Ursprung dieses "Drei-Rollen-Konfliktes" vor allem bei Unternehmensgründern. Bis zu einer gewissen Unternehmensgröße muss der Gründer auch zwangsläufig alle dieser drei Rollen einnehmen, damit das Unternehmen gedeihen kann. Das Problem liegt aber darin, dass selbst dann, wenn im Unternehmen schon 40-50 Mitarbeiter beschäftigt sind und eine zweite Führungsebene nach dem Gründer existiert, es für diesen immer noch schwer ist, sich von den alten Gewohnheiten der Fachkraft und des Managers freizumachen für die Tätigkeit als Unternehmer.

Der Unternehmer - Die Definition

Nur in der Rolle des Unternehmers findet wirkliche Arbeit an der Vision, der Entwicklung neuer Strategien und auch Träumerei statt. Der Unternehmer lebt und denkt in der Zukunft. Er liebt es "herumzuspinnen" im Sinne von "Was-wäre-wenn" und entwickelt daraus großartige Zukunftsbilder . Dabei ist er voll in seiner Energie und kann Mitarbeiter anstecken und damit echte Veränderungsprozesse auslösen und entfachen. Zuweilen ist der Unternehmer aber "so weit weg von der Realität", dass seine Ideen und Träumereien die Mitarbeiter eher nerven als mit voller Motivation zu neuen Taten treiben. Es ist ein schmaler Grat, den der Unternehmer geht. Aber nur auf dieser Ebene entstehen Visionen und Strategien, die tragfähig sind. Und nur, wenn er die Zeit hat für diese Rolle, dann können Strategien immer wieder neu entfacht, angepasst und tatsächlich realisiert werden.

Das Wichtigste an der Unternehmer-Rolle: Der Unternehmer arbeitet AM Unternehmen und nicht IM Unternehmen!

Der Unternehmer als Manager

Als Manager sorgt er für Planung, Organisation, Strukturen und Prozesse. Denn auch Träume müssen ins Tun geführt werden. Und dafür schafft der Manager zumindest die Rahmenbedingungen. Der Unternehmer sorgt für Fortschritt und der Manager dafür, dass es ein System gibt, in dem dieser Fortschritt realisiert werden kann. Der Manager lebt im Gegensatz zum Unternehmer eher in der Vergangenheit. Und er sieht eher die Probleme, wohingegen der Unternehmer eher die Chancen im Blick hat. Aber dieses Problembewusstsein hilft, die Dinge auf den Punkt zu bringen und die für die Realisierung der Chancen nötigen Werkzeuge zu etablieren. Dazu gehören dann die Lieblingsspielzeuge des Managers: Organigramme, Prozesse und Strukturen.

Der Unternehmer als Fachkraft

Es gibt auch Unternehmer, die noch sehr in der Rolle der Fachkraft zu Hause sind. Neben dem Manager, der für Ordnung sorgt und die Rahmenbedingungen schafft, dem Unternehmer, der in der Zukunft Chancen und Visionen erarbeitet, ist die Fachkraft der Macher in der Gegenwart. "Nur was ich selbst gemacht habe, kann auch funktionieren!", ist sein Credo. Es nervt ihn, dass es Leute gibt, die nur über Dinge nachdenken und sinnieren. Er muss sie machen, sonst existieren sie nicht. Der Fachmann nimmt gerne Dinge auseinander und baut sie dann wieder zusammen. Er muss mit den Dingen arbeiten. Er braucht kein Organigramm und auch keinen Prozess. Er weiß, wie es geht und packt an! Ihm ist auch bewusst, dass man nicht an zwei oder noch mehr Dingen gleichzeitig arbeiten kann. Das überlässt er den Träumern. Nur das was gerade ist, das zählt. Und das wird erledigt und klappt dann auch. Das ist der Fachmann! Auf ihn ist Verlass und er ist derjenige, der die Visionen und Strategien wirklich zum Leben erweckt.

Lesetipp: So setzen Sie Ihre Unternehmensvision richtig um

Auch wenn er es niemals zugeben würde: In seinem tiefsten Inneren weiß er, dass er ohne die Träumereien des Unternehmers und die Strukturen des Managers nicht seine Arbeit verrichten könnte. Aber als Mann der Tat würde er niemals zugeben, dass Träumereien und Prozesse wichtig sind.

Der richtige Umgang mit dem Rollenkonflikt

Um diesem ständigen Rollenkonflikt nicht nur auf die Spur zu kommen, sondern auch den richtigen Mix als Unternehmer zu finden hilft es, sich immer wieder (idealerweise in einem wöchentlichen Rhythmus) die folgenden Fragen zu stellen:

  1. "In welcher Rolle bin ich gerade aktiv?"

  2. "Passt das zu den aktuellen Herausforderungen des Unternehmens?"

  3. "Wie sollte ich meine Zeit aufteilen? Also: Wieviel Zeit sollte ich mir für die Rolle des Unternehmers nehmen, wieviel für den Manager und für die Fachkraft? (z.B. auf Wochenbasis)"

  4. "Schaffe ich es diese Zeiteinteilung einzuhalten?"

  5. "Rutsche ich immer wieder in eine Rolle zurück? Warum ist das so und wie kann ich es ändern?"

Ich wünsche Ihnen als Unternehmer, dass Sie durch das Bewusstmachen des typischen Rollenkonfliktes und den Reflektionsfragen den für Ihr Unternehmen richtigen Mix finden und damit Ihr Unternehmen auf der Erfolgsspur bleibt. (bw)