Ratgeber

Übersetzungssoftware: Was die kostenlosen Tools taugen

05.10.2015 von Klaus Hauptfleisch
Mit Übersetzungssoftware sind mal CAT-Systeme für Profi-Übersetzer, mal MT-Tools für die Maschinelle Übersetzung gemeint. OmegaT und Google Translate stehen jeweils Pate für gute kostenlose Angebote. Diesen und anderen wollen wir auf den Zahn fühlen.

Umsonst ist nur der Tod heißt es. Das gilt erst recht in der Werbung. Die "ikonische Glasflasche" eines großen Getränkeherstellers mag Absicht sein und war als Slogan sicherlich nicht günstig. Aber manche "denglischen" Wortneubildungen bis Atrozitäten legen allerdings die Vermutung nahe, dass da am Profi-Übersetzer gespart wurde. Ebenso gut kann man auch den Praktikanten auf die Webseite von Babelfish.de, dem Google Übersetzer (Translate) oder dem Microsoft Bing Translator schicken.

Tools für Machine Translation wie Babelfish liefern bestenfalls eine Rohübersetzung.
Tools für Machine Translation wie Babelfish liefern bestenfalls eine Rohübersetzung.
Foto: Klaus Hauptfleisch

Online sind diese Tools für die Machine Translation (MT) oder die Maschinelle Übersetzung (MÜ) tatsächlich kostenlos, was nicht heißt, dass diese nichts taugen oder per se von billiger Qualität sind. Die Ergebnisse können sich mitunter wirklich sehen lassen. Produkttests der PC Welt und anderer Magazine haben gezeigt, dass die kostenlosen oder günstigeren Übersetzungsprogramme mitunter besser sind als andere für mehrere hundert Euro.

MT-Tools liefern Rohübersetzung

Ganz umsonst sind viele dieser Tools freilich nicht, wenn man sie in CAT-Systeme oder andere Programme einbinden will. Für den Microsoft Translator und Google Translate v2 braucht man zum Beispiel einen Lizenz- oder API-Schlüssel, der die Eingabe der Kreditkartendaten oder anderer Zahlungsmodalitäten voraussetzt. Nennenswerte Kosten schlagen jedoch erst auf, wenn monatlich Texte mit mehreren Millionen Anschlägen übersetzt werden. Selbst die Rohübersetzung des Guinness-Rekordhalters "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" von Marcel Proust mit rund 9,6 Millionen Zeichen würde mit dem Google Übersetzer weniger als 200 Euro kosten.

Die Betonung bei den MÜ-Programmen liegt auf der Rohübersetzung, was nicht heißt, dass diese schlecht wären. Im Internet kursierende lustige Übersetzungsfehler sind, wenn auch nicht alle, vielfach behoben worden. Selbst idiomatische Redensarten wie "er ist scharf auf sie" oder "it's raining cats and dogs" (es regnet in Strömen) beherrschen die MT-Tools oft schon. Von einer echten Lokalisierung, auf die gerade US-Unternehmen so viel Wert legen, kann jedoch meist keine Rede sein.

Profis arbeiten mit CAT-Systemen

Daher sind Profi-Übersetzer immer noch unverzichtbar. Diese klagen indes, dass die MT-Tools, die ihnen ursprünglich doch die Arbeit erleichtern sollten, "die Preise versauen", wenn sie überhaupt noch im Geschäft sind. Denn oft genügt den Auftraggebern schon die Rohübersetzung. Schließlich kocht jeder nur mit Wasser und auch Profi-Übersetzungen sind für Werbezwecke in der Regel stark überarbeitungsbedürftig.

Hat man als Übersetzer endlich einen "Job" an Land gezogen, wird man vom Auftraggeber in der Regel gefragt, ob man mit SDL Trados arbeite. Es handelt sich dabei um das führende CAT-System für die Computer Aided (beziehungsweise Assisted) Translation oder zu Deutsch Computergestützte Übersetzung mit integriertem Translation Memory System (TMS), Terminologiedatenbank und vielem mehr.

SDL Trados fast unumgänglich

Zu Preisen ab 695 Euro für die Freelancer Edition und 2.595 Euro für die Professional Edition ist das neue SDL Trados Studio 2015 zwar kein Schnäppchen, das Geld aber wert. Und das nicht nur, weil viele Auftraggeber das zweisprachige SXLXLIFF und andere Trados-Ausgabeformate verlangen. Für die gibt es mitunter kostenlose Converter. Tatsächlich überzeugt SDL Trados Studio auch durch Benutzerkomfort und vielfältige Funktionen, die andere CAT-Tools nur bedingt haben. Die 30-Tage-Trial-Version ist übrigens kostenlos. Der SDL FreeTranslation als Online-Übersetzungstool (siehe unten) ohnehin. Als Cloud-Service ist gegen einen monatlichen Obolus auch die Integration in SDL Trados Studio möglich.

Wenige kostenfreie CAT-Tools

Die 1984 in Stuttgart gegründete Trados GmbH hatte laut OmegaT-Projektkoordinator Marc Prior einst einen Marktanteil von über 90 Prozent. 2005 erfolgte die Trados-Übernahme durch den britischen Mitbewerber SDL, der einen - nach eigenen Angaben - Weltmarktanteil von 70 bis 80 Prozent für SDL Trados Studio beansprucht. Von dem verbleibenden Rest ist OmegaT mit fünf Prozent einer der ganz Großen. Das ist sicherlich auch der Tatsache zu verdanken, dass es Open-Source-Software und damit kostenlos ist. Aber wie Prior betont, sei das nicht der einzige Grund, warum viele Übersetzer mit OmegaT den Einstieg zu CAT-Tools finden.

Mit Einschränkungen biete das Programm auch die Möglichkeit der Ausgabe im Trados-Format. Unter http://www.linuxfortranslators.org/tm.html findet sich eine Liste von CAT-Tools, die Prior früher einmal zusammengestellt hat. Als wirklich kostenlose Alternativen zu OmegaT sind ihm zufolge eigentlich nur das Browser-basierte Wordfast Anywhere und Across für Freelancer übriggeblieben.

Translation Memory und Fuzzy-Suche

Wichtigste Arbeitshilfe für Profis ist bei den CAT-Systemen der bereits erwähnte Translation Memory (TM), auch Übersetzungsspeicher oder Übersetzungsarchiv genannt. Dieser muss sich im Laufe eines größeren Projekts oder durch Zusammenfügen mehrerer vorheriger Übersetzungsarbeiten erst aufbauen. Man kann ihn aber auch käuflich erwerben.

Translation Memory Manager sollen in der Vollversion 500 bis 2.500 Dollar pro Sitzung kosten, heißt es in dem englischen Wikipedia-Eintrag. Der Übersetzungsspeicher wird von dem jeweiligen CAT-Programm nach Wiederholungen und Ähnlichkeiten (Fuzzy oder unscharfe Treffer) abgesucht, ebenso die Terminologie-Datenbank. Finden sich entsprechende Konkordanzen, werden sie in einem entsprechenden Ordner angezeigt. Man kann sie dann übernehmen und nach eigenem Gusto ändern.

Einbindung von TM und MT

Das für viele Sprachrichtungen verfügbare und bei Gelegenheitsübersetzern beliebte Linguee ist im Grunde genommen ein großer kostenloser Translation Memory mit Fuzzy-Suche und Rangordnung der wahrscheinlichsten Übersetzungen. Across hat in der CrossSearch-Trefferliste unter anderem Zugang zu Linguee, Wörterbüchern wie Leo und Beolingus der TU Chemnitz sowie zu Online-MT-Tools wie Google Translate und Intertran. Ein Gesamtüberblick verschiedener MT-Übersetzungsvorschläge fehlt allerdings.

SDL Trados und OmegaT bieten über die Option Maschinelle Übersetzung mehrere Möglichkeiten an. Frei verfügbar ist bei OmegaT aber nur das von unzähligen Übersetzern aufgebaute MyMemory (machine), das Englisch-Deutsch sehr überzeugend ist. Die Human-Version mit echten Profi-Übersetzern ist natürlich nicht umsonst.

Für Google Translate v2 und den Microsoft Translator muss man, wie oben beschrieben, jeweils einen API-Schlüssel erwerben. Hat man mit OmegaT oder SDL Trados Studio Zugang zu mehreren MT-Tools, kann man sich in einem eigenen Fenster die jeweilige Textstelle in unterschiedlicher Übersetzung anzeigen lassen, um die beste Version auszuwählen und dann zu überarbeiten.

Denn die MT-Tools liefern immer nur Rohübersetzungen und werden von echten Profis wie OmegaT-Manager Prior eher skeptisch gesehen. Und das nicht nur, weil sie den Wert der Arbeit mindern, sondern auch aus anderen Gründen. Zum Beispiel kann man sich durch die maschinellen Übersetzungen zu leicht fehlleiten lassen, was Profis weniger passieren mag, wohl aber einfachen Anwendern.

Kostenlose MT-Tools im Praxistest

Damit soll hier mit der sehr speziellen Welt der CAT-Systeme für Übersetzer ein Cut gemacht werden und zu den kostenlosen MT-Tools übergeblendet werden. Die meisten von ihnen stehen online zur Verfügung stehen - und das in einer großen Auswahl von Sprachpaaren bis hin zu Chinesisch- oder Japanisch-Deutsch.

Der Transparenz wegen haben wir die kostenlosen Übersetzungsprogramme allerdings nicht mit derartig exotischen Sprachen getestet, sondern mit Englisch-Deutsch. Die Bilderstrecke unten zeigt Übersetzungen verschiedener kostenloser MT-Tools von zwei englischen Texten.

Der obere ist der Einleitungssatz des englischen Wikipedia-Eintrags zu Translation Memory (Übersetzungsspeicher). Unten ist der zweite Satz aus Charles Dickens "David Copperfield" zu sehen. Beide Passagen sind etwas verschachtelt und können auch menschliche Übersetzer auf die Probe stellen.

Hier nun die beiden englischen Textstellen mit Übersetzungsvorschlag:

A () is a database that stores "segments", which can be sentences, paragraphs or sentence-like units (headings, titles or elements in a list) that have previously been translated, in order to aid human translators. (aus Wikipedia.org)

Ein Translation Memory (TM) oder Übersetzungsspeicher ist eine Datenbank, die "Segmente" enthält, welche Sätze, Absätze oder satzähnliche Textstellen (Überschriften, Titel oder Elemente in einer Liste) sein können und zur Unterstützung menschlicher Übersetzer vorher schon einmal übersetzt wurden.

To begin my life with the beginning of my life, I record that I was born (as I have been informed and believe) on a Friday, at twelve o'clock at night. (aus "David Copperfield" von Charles Dickens, 1849-1850)

Um mit dem Beginn meines Lebens zu beginnen, halte ich fest, dass ich (wie mir mitgeteilt wurde und ich glaube) an einem Freitag um zwölf Uhr nachts geboren wurde.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne die einzelnen Ergebnisse allzu sehr werten zu wollen, wurden für den Test die Übersetzungen folgender Online-Übersetzungstools ausgewählt:

Die ersten drei Online-Übersetzungsprogramme einschließlich der Google Übersetzer liefern haargenau dieselben Ergebnisse, was an ähnlichen oder gleichen Suchalgorithmen und Vorlagen aus diversen Datenbanken liegen mag. Die Übersetzung ist halbwegs verständlich, wenn man über den einen oder anderen Grammatik- beziehungsweise Syntaxfehler hinwegsieht. Vielleicht liegt es auch an den hohen Erwartungen, aber SDL FreeTranslation hat die beiden unterschiedlichen Textstellen sehr enttäuschend in die deutsche Sprache gebracht. Überraschend gut geschlagen hat sich der Microsoft Translator, der lange viel Kritik auf sich geladen hat. WorldLingo hat zwar mit einzelnen Wörtern Schwierigkeiten, weniger aber mit der deutschen Grammatik.

Fazit: Aus Ausgangsbasis durchaus brauchbar

Ob kostenlos oder nicht, liefern die meisten Programme für die Machine Translation oder Maschinelle Übersetzung zwar keine Spitzenergebnisse. Für die Rohübersetzung sind diese aber in der Regel durchaus tauglich. Die MT-Tools werden durch unzählige Übersetzer und neue Einträge auch stetig verbessert. Bei den Online-Tools stören manchmal eingeblendete Werbeblöcke, aber einen Tod muss man sterben, wenn umsonst bekommt, wofür man früher lange recherchieren und viel telefonieren musste.

Die eingangs beschriebenen CAT-Systeme, die rechner- und datenbankgestützt Übersetzern die Arbeit erleichtern sollen, sind natürlich sehr speziell, für international operierende Unternehmen und Übersetzungsdienste aber unverzichtbar. OmegaT, Across und Wordfast Anywhere bieten als kostenlose CAT-Tools schon sehr viele Funktionen und Features wie der Platzhirsch SDL Trados. An dem kommen Profi-Übersetzer aber kaum herum, weil viele Auftraggeber das Ausgabeformat verlangen. Der hohe Marktanteil von SDL Trados Studio zeigt es deutlich.